Schullandheim ZöthenUnsere Ehemaligen - Im Gedenken |
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| Tiffany und der Besuch auf dem Pferdemarkt (oder: als zwei auszogen, ein Schulpferd zu kaufen) |
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Ein Pferd zu finden, das in die eigene Lebensgemeinschaft aufgenommen und passen soll, ist fast so schwer, wie die Suche nach einer Ehefrau oder manch einem Ehemann.
Noch schwerer ist es ein geeignetes Schulpferd für einen guten Reitunterricht ergattern zu können. Vor allem: Was, bitte schön, ist ein Schulpferd?
Ein Begriff, der genau genommen in alle Bereiche der Reiterei hinein paßt:
Schulpferde werden die Lippizaner in der Wiener Hofreitschule genannt. Schließlich werden sie in der "Hohen Schule" der Reiterei ausgebildet und vorgestellt.
Schulpferde kann man auch jene gut ausgebildete Pferde nennen, die einen fortgeschrittenen Reiter "in die Schule" nehmen. Wie heißt es doch so schön und so richtig: "Auf einem gut gerittenen Pferd lernt der sensible Reiter das Reiten!"
Dann gibt es da noch die sogenannten "Schuler".
Diese Pferde tangieren ein Kapitel, das den Pferdefreund peinlich berührt. Peinlich deshalb, weil diese armen Teufel von Menschen degardiert, Hinz und Kunz durch das Gelände tragen müssen, damit diese ihren Spaß haben.
Von Vorbesitzern ausgepowert und dann ausgemustert, müssen sie jetzt nur noch Geld für einen "Geschäftemacher" verdienen. Bei schlechter Geschäftslage (im Winter zum Beispiel) oder wenn sie völlig fertig sind, kommen sie in die Wurst.
Unserer Vorstellung von einem Schulpferd, noch dazu von einem, das für die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen geeignet sein soll, waren ganz konkret und deshalb eher noch schwieriger.
Anfangsreiter und auch fortgeschrittene Anfänger müssen erst einmal in die Reiterei eingeführt werden. Wer, so frage ich, könnte dies besser als ein braves, freundliches Pferd, das eine solide Grundausbildung genossen hat? Im Gleichgewicht soll es gehen. Auch mit einem wackeligen, verkrampften Reiter oben drauf. Weich zu sitzen muß es natürlich auch sein. Wie sollte sein Eleve sonst jemals einen geschmeidigen Sitz bekommen? Auch wenn´s mit der Zügelführung noch nicht so richtig klappt, darf es nicht hart im Maul sein. Außerdem soll es ahnen, was der da oben gerade will. Ein Gemüt muß es haben, - ein Gemüt sage ich -, könnte man es sehen, käme es einem Heiligenschein gleich. Wenn nämlich der Reiter Angst hat, erschrickt, klammert, sich krümmt und am Zügel festhält, soll es über der Sache stehen. Es darf nicht seinem Instinkt folgen und davon rennen. Krank und mit belastenden Fehlern behaftet, durfte es schon gar nicht sein.
Ja, das und noch viel mehr, müßte das "Schulpferd" bringen, das wir suchten.
Das war im Herbst 1994, als ich schon die meiste Zeit im neuen Betieb in Zöthen verbrachte.
Hauptsächlich Andi und teilweise auch ich hatten den Eindruck als müßten wir unseren Pferdebestand um ein Schulpferd erweitern.
An jenem ersten Wochenende im Monat war ich gerade in der Brandau und so beschlossen wir in den Sklavenmarkt, ich meine natürlich in den Pferdemarkt in Münchens Schnellerhalle zu fahren. Erfahrungsgemäß sollten dabei einige Faktoren für einen preislich günstigen Kauf zusammen passen. Der späte Herbst, wenn Koppeln und Weiden geräumt werden, ist z.B. so ein Zeitpunkt. Das Wetter auch. Futtermangel ebenso.
Das einzige, was damals stimmte, war jener erste Samstag im Monat, der für den bayernweiten Pferdehandel, bezeichnender Weise im Schlachthofgelände, vorgesehen war.
Da unser Besuch hauptsächlich informativen Charakter haben sollte, ließen wir den Pferdehänger zu Hause.
Ein Pferdemarkt ist, - so könnte ein Pferdefreund meinen -, eine Veranstaltung ähnlich einer großen Modenschau. Im Kreise vieler Gleichgesinnter zeigen sich eine Menge erlesener Schönheiten. In diesem speziellen Falle sind sie sogar noch käuflich und müssen dann mit nach Hause genommen werden.
Da aber irrt der Freund.
Ernüchternd stellt er in der frühen Morgenfrische schon auf der Zubringerstraße zum Veranstaltungsort fest, daß rechts und links des Wegs einladende Fachgeschäfte für Schlachtartikel auf die gezielte Vergänglichkeit von Tieren hinweisen. Das Gelände selbst mit seinen zweckmäßigen Gebäuden und gepflasterten Vorhöfen läßt keinen Zweifel aufkommen, daß hier die Endstation industriell vermarkteter ehemaliger Lebewesen betreten wird.
In der riesengroßen Halle herrscht emsige Geschäftigkeit. Lärmendes Händlergeschrei. Ab und zu ein Wiehern. Weiter hinten klingendes Hufgetrappel auf steinigem Boden. Eine raunende Schall- und Dunstwolke hängt über ein paar hundert Pferdeleibern. Auch über vielen Menschen, die nicht sofort als "gleichgesinnt" erkannt werden können.
Lange Futterbarren in vielen Reihen hintereinander angeordnet, sind eigentlich für Rinderauktionen konzipiert. Diesmal haben Händler oder irgendwelche Verkäufer ihre zur unteren Mittelklasse degradierten Pferde dort abgestellt. Sie alle warten ergeben oder auch sichtlich genervt darauf, was ein gütiges oder unversöhnliches Schicksal zukünftig mit ihnen vor hat.
Ob es die "Erlöser" sind? Jene wuseligen, dicken Händler im grauen Kittel und dem dünnen, krummen Bambusstock?
Die, ausgerüstet mit Filzstift oder Monogrammschere, ihr Zeichen auf oder in das Fell signieren. Eindeutige Wegweiser zum Schlachter also.
Oder ob für die angebotenen Kreaturen ein eues Leben beginnt? Ein Leben in anderer Gesellschaft? Mit neuen Menschen und mit besonderen Aufgaben?
Gedanken, die uns den ganzen Tag lang begleiteten. Besonders dann, wenn lauthals gefeilscht, bekrittelt oder angepriesen wurde.
Auf dem ersten Rundgang im Gedränge eines bunt gemischten skurrilen Publikums gewannen wir einen Eindruck von den vielen zum Kauf stehenden Pferden.
Alles Mögliche war da: - vom ehemaligen "Kracher" mit fettglänzenden Hufen, sauber verzogener Mähne, lockeren Karbalgelenken und traurigen Augen bis hin zum beschämend verwahrlosten Individuum -. Auch frisch aus Ostländern eingeführte LKW-Ladungen voll mischkalkulierten, von der langen Fahrt übermüdeten, struppigen Pferden ließen in langen Reihen nebeneinander die Köpfe hängen. Die Rechnung war einfach und nicht unlukrativ. Was weg ging zu anständigen Gebrauchspferdepreis war nobles "Zubrot". Alles andere brachte der Metzger zum Südbahnhof, das heißt zum Weitertransport als Schlachtpferde nach Italien.
An der hinteren Seite der Halle war auf eine Länge von etwa 60 Metern dünn mit Stroh auf den Betonboden gebracht. Es war die Bahn, auf der Verkaufspferde mit begleitendem Geschrei in der Bewegung vorgestellt wurden. Mehr oder weniger geschickte junge Burschen rannten mit überhitzten, roten Köpfen und laut schnaufend neben Warmblütern im Stechtrab an einem Spalier neugieriger Menschen auf und ab.
Händler, die mit der Sache eigentlich gar nichts zu tun hatten, fuchtelten brüllend mit ihren Stöcken oder Peitschen hinterher. Die Pferde sollten in Spannung gebracht, eine möglichst interessante Figur abgeben.
Auffällig war am Rand eine Gruppe halbwüchsiger Mädchen in unnötiger Reitkleidung. Ihr Outfit sollte wohl zeigen, daß sie Insider seien. Plappernd und aufgeregt verfolgten sie das Geschehen. Ihre Einstellung, die zwischen Tierliebe und persönlichem Ehrgeit hin nd her gezerrt wurde, hatte noch keine Basis. So wirkten sie eher hilflos, manchmal auch aufdringlich oder albern.
Durch all das Gewusel und Getümmel zwängte sich etwas unsicher eine hübsche Welsh-Pony-Stute mit einer jungen Frau im Schlepp. Der sympathische, kleine Schimmel mit sienen großen Augen und dem frechen Gesicht fand sofort bei Andi und bei mir besondere Aufmerksamkeit. Die etwas schüchterne Frau erzählte uns, daß sie eben aus dem Bodenseegebiet hier ankamen. Die dreijährige, sehr zutrauliche Schimmelstute verdiente sich, wie wir hörten, bis jetzt ihr Futter mit Touristenkindern, die auf ihr geführt wurden.
Das kleine Pferd beobachtete interessiert seine Umgebung. Wohl genährt, mit einem fast etwas zu dicken Bauch machte es einen ruhigen, ausgeglichenen Eindruck.
Das beginnende Handelsgespräch wurde von uns halbherzig ohne die übliche Härte geführt. Im Grunde hatten Andi und ich den Wunsch, daß wir das Pony auf jeden Fall mitnehmen wollten. Das Risiko, daß jemand anderes den Zuschlag bekäme, wollten wir nicht eingehen. Die überflüssige, etwas wehmütige Bitte der Frau lieb und nett zu unserer neuen Errungenschaft zu sein, war so überflüssig wie ein Kropf. Wir hatten sie ja schon längst in unser Herz geschlossen.
Tatsächlich hatten wir nun ein entzückendes Welsh-B-Pony an der Hand. Sicherlich eine Bereicherung für unsere kleinen Reitschüler. Aber eigentlich waren wir ja auf der Suche nach einem Schulpferd.
Unsere Suche ging also weiter.
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So ein Markttag wird bestimmt von einer andauernden Fluktuation. Gekaufte Pferde werden umgehängt und an anderer Stelle abgestellt. Neue kommen wieder hinzu. Manchmal wechseln Pferde gleich mehrmals den Besitzer. Andere weider gehen mit ihrem Käufer zum Transportfahrzeug und treten die Heimreise an.
Bei unserem weiteren Rundgang beobachteten wir unter anderem einen stattlichen Mann (bei Männern sagt man stattlich, wenn sie besonders korpulent sind), der ein sehr lebhaftes, noch nicht ausgewachsenes Pony an einem langen Führstrick etwas ungeschickt zu bändigen suchte.
Etwas hilflos, weil das Pferd quengelte, und deutlich unschlüssig und zurückhaltend verhandelte er mit einem kleinen, bierbäuchigen Vater, dessen übergewichtiger Sohn sich den kleinen Braunen unbedingt einbildete. Die Verhandlung verlief offensichtlich nicht erfolgreich. Vater und Sohn zogen wieder ab. Der Sohn zeigte sich darüber sehr ungehalten, was nicht zu übersehen war.
Andi und ich setzten uns neben einem Metzgerstand zu ein paar Bauern an einen Biertisch. Wir bestellten einen warmen Leberkäs, bekamen ungewollt die bierseligen Sprüche einiger "Pferdespezialisten" mit und schauten dem Gedränge rechts und links neben dem Eingang zu.
Auf der einen Seite boten Händler Reit- und Fahrzubehör an. Gegenüber verkaufte ein Pferdemetzger makabrer Weise "Roßbanni", das sind Knacker (Würste) aus Pferdefleisch.
Alte und neue Kutschen, Schulsukis und alle möglichen anderen Pferdewägen wurden weiter hinten ausgestellt. Dicht daneben, so als hätten sie sich dort verabredet, standen Esel in verschiedenen Größen und Farben. Auch fünf, sechs Ziegen und einige Schafböcke unterschiedlicher Rassen knabberten genüßlich am vorgelegten Heu. Sehr interessierte Tiere, die so ganz nebenbei aufmerksam beobachteten, was ringsherum vor sich ging.
Inzwischen hatte sich der Markt völlig verändert. Viele neue Pferde sind angekommen. Auch neue Händler, Verkäufer und Käufer. Ganze Gruppen von Pferden waren verschwunden. Neue, darunter einige mächtige, zottige Kaltblüter standen an deren Platz.
Irgendwo in der Nähe des Eingangs sahen wir den Mann mit seinem hübschen, braunen, zweijährigen Pony wieder. Er dachte wohl, daß dieser Standort günstiger sei. Das war er wohl. Einige kleine Mädchen hatten den Braunen entdeckt und streichelten ihn zärtlich und verliebt mit großer Hingabe.
Wir fragten, weil wir neugierig waren und natürlich schon auch, weil uns das Pony ausgesprochen gutngefiel, nach dessen Preis. Er ging aber gar nicht auf unsere Frage ein, sondern erkundigte sich erst danach, wohin der Kleine käme und was wir mit ihm vorhätten. Das war sehr geschickt. Auf diese Weise erreichte er, daß wir uns mit unserer Kaufabsicht näher befaßten. Unsere Beschreibung gefiel ihm. Vor allem fand er gut, daß wir für das nächste Jahr von Koppelgang sprachen. Der Preis, den er und nannte, war anständig, ja man kann sagen sogar sehr günstig.
Trotzdem kamen wir zu keinem Abschluß und gingen weiter. Schließlich war es ja wieder nicht das große Schulpferd, das wir suchten.
Auf unserem weiteren Weg ließ uns der Gedanke an das Pony einfach nicht mehr los. Es war nicht nur der günstige Preis. Wir empfanden gleichermaßen, daß dieser kleine Lausbub mit seinem hellwachen, frechen Geschau in unsere Gesellschaft paßte. Außerdem konnte nicht bestritten werden, daß er viele Points aufzuweisen hatte, die sehr bestechen und begeistern konnten.
Also gingen wir wieder zurück und fanden den Vater mit seinem dicken Sohn erneut in zäher Verhandlung.
Da unterbrach ich kurzerhand den Diskurs und erklärte, daß wir den vorher genannten Preis akzeptierten. Sichtlich erleichtert schlug der stattliche Mann sofort ein, Der Vater empörte sich und bot jetzt plötzlich einen erheblich höheren Betrag.
Aber - und das gibt es auch auf dem Roßmarkt -: Der Handschlag war verbindlich.
Gezahlt wurde, wie in diesen Fällen immer üblich ist, cash auf die Kralle und "Fidibus", wie wir ihn später nannten, bekam seinen Platz neben der Schimmelstute, die einmal den Namen "Rapunzel" erhalten sollte.
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Je älter der Tag, umso jünger und bunter wurde das Publikum. Eben erst aus dem Bett gekrochen, tönten geckenhafte Kerle mit bunt bemalten, aufgebrezelten Tussis laut und hölzern. Sie wollten imponieren. Dabei paßten ihre Begleiterinnen auf ihren hohen Stöckelschuhen besser in jede Kneipe als in die Umgebung von Pferden.
Auf der Vorführgasse herrschte reger Betrieb. Dicht daneben räkelte sich eine Gruppe modisch gekleideter Burschen um eine etwas derbe Schönheit und um eine hübsche Schimmelstute. Eine Andalusierin. Mir gefiel sie auf Anhieb. Andi hätte sie lieber mit einem etwas längerem Hals gesehen.
Wie es schien war ein heftiges Händlergeplänkel im Gange. Das Mädchen wehrte immer wieder ab, zeigte einem der Kerle den Vogel und ging schließlich ganz weg. Es stellte sich heraus, daß er ihr gegen ihren Willen das Pferd kaufen wollte.
Die Stute beobachtete aufmerksam aber ungerührt die trabenden Pferde und das Gefuchtel auf dem Führgang. Die jungen Männer um sie herum existierten für sie anscheinend gar nicht.
Andi und ich begutachteten den Schimmel intensiver. Wir hätten ihn gerne mitgenommen.
Der Mann, der die Stute am Strick hielt, zeigte uns die andalusischen Abstammungspapiere und nannte seinen Preis.
Die übliche Feilscherei begann.
Wir verdrückten uns eine Weile und beratschlagten.
Der Markt leerte sich allmählich. Wir merkten, daß der Verkäufer das Pferd nicht mehr mitnehmen wollte. Es fiel ihm deshalb wohl nicht allzu schwer, unser Angebot zu akzeptieren.
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So, nun hatten wir zwar kein richtiges, dafür aber drei angehende Schulpferde an der Hand und keinen Hänger vor der Türe.
Den Fidibus konnte ich einem Bekannten mitgeben, der in Richtung Freising fuhr. An der Tankstelle in Achering sollte er ihn ausladen.
Ich selbst fuhr nach Hause, sorgte dafür, daß unsere Kinder das neue Pferd in Achering abholten und war nach eineinhalb Stunden wieder auf dem Schlachthofgelände, das inzwischen schon abgesperrt war.
Andi hatte mit Tiffany, so nannten wir die Andalusierin, und Rapunzel etwas unruhig gewartet. Alleine draußen auf der Straße mit den beiden Pferden stehen zu müssen, wäre nicht sehr angenehm gewesen.
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