Schullandheim Zöthen

Unsere Ehemaligen - Im Gedenken

Kobi


Jonathan

Jonathan


Es ist noch gar nicht lange her, da gedachte ich unserer kleinen Welsh-Stute „Bröserl“. Sie war eine später geborene Schwester von Jonathan.
Ihr Halbbruder Jonathan war wegen seiner vielen guten Eigenschaften, besonders beim Umgang mit Kindern, sozusagen die Empfehlung für diese Rasse im Allgemeinen und die spezielle Abstammung in diesem Falle im Besonderen.

Ich sehe den kleinen, gestiefelten, braunen Hengst noch deutlich vor mir. Erhobenen Hauptes, stolz und selbstbewusst zog er sein menschliches Anhängsel, ein kleines Bäuerlein nämlich, durch die große Schmellerhalle in München. Mich beachtete er überhaupt nicht, da sein ganzes Interesse all den vielen Pferden im Umfeld galt.

Nach einem schnellen, wirklich nicht geplanten Kauf band ich den kleinen Kerl an einem freien Platz ohne andere Pferde in der Nachbarschaft, vor einen der vielen, langen Betontröge.
Anschließend widmete ich mich wieder eingehend dem eigentlichen Grund meines Besuches. Ich ging aufmerksam durch die Reihen um ein passendes Schulpferd zu finden.

Jonathan auf der Koppel
Jonathan, Schnicki und Bröserl

Immer wieder sammelten sich Interessenten um den kleinen Hengst und wollten ihn mir abkaufen.
Ich bin froh, dass ich die manchmal sehr verlockenden Angebote nicht angenommen habe und Jonathan, so nannte ich die kleine Neuerwerbung, zusammen mit Nadja, einer Norwegerstute, heim in`s Moos brachte.
Das Schicksal, das beide durch den Kauf gemeinsam hatten, verband sie von der ersten Stunde an, die sie im Hänger verbrachten. So lebten sie während der nächsten Tage auf einer kleinen Koppel neben dem Zufahrtsweg zu den Stallungen.

Die weitere Eingliederung in die bestehende Herde erfolgte kurz und schmerzlos. Ich brachte Jonathan, was ich bei großen Pferden nie getan hätte, schon bald hinaus auf die große Koppel, wo alle meine Pferde friedlich grasten.

Jonathan stutzte kurz, warf den Kopf hoch und wieherte, dass seine Kinderstimme laut über die weite Wiese hallte. Nach dieser Ankündigung tat er, was ein Hengst zu tun hat: Er umkreiste, beeindruckende Brusttöne ausstoßend, die verstreut grasende Herde mit imposanten Galoppsprüngen. Mit zu imposanten Sprüngen, wie sich zeigte, weil er plötzlich den Boden unter den Füßen verlor. Wie ein Puck auf dem Eise schlitterte er über das glatte, nasse Gras, was ihn sehr erstaunte.
Die Herde graste ruhig weiter. Der Eine oder der Andere hob ganz nebenbei den Kopf, schaute gelangweilt hinüber zu dem Neuankömmling und setzte gleichgültig seine Mahlzeit fort. Jonathan erkannte, dass er anscheinend doch nicht so wichtig sei und rupfte das Gras vor seinen Beinen, was ihn sehr beruhigte. Nur manchmal, wenn er näher an eines der anderen Pferde herankam, stahl sich ein heller, kollernder Seufzer durch seine Nase. Fast gleichzeitig demonstrierte er durch heftige Kaubewegungen seinen „Status quo“ als hilfloses Kleinkind.

Eine besondere Eigenart fiel uns sehr schnell auf. Jonathan zeigte deutlich, dass er auf der Koppel keinen Kontakt mit Erwachsenen wünschte.
Das war sehr eigenartig, da er niemals schlechte Erfahrung mit Menschen gemacht hat.
Er liebte Leckerli sehr. Allerdings nicht so sehr, dass die Aussicht auf ein solches, sein Verhalten geändert hätte.

Reitstunde mit Jonathan
Mit Jonathan auf dem Wanderritt

Zu Jonathans besonderen Fans gehörte Martina Jelinek. Sie war es dann auch, die herausfand, wie man sich Jonathan auf der Koppel nähern konnte.
Martina machte sich klein. Das war zwar unbequem, hatte aber immer Erfolg.
In Hockestellung näherte sie sich ihrem kleinen Liebling. Der spürte offensichtlich die große Zuneigung Martinas und benahm sich besonders zutraulich und anhänglich.

Aus dem Absetzer entwickelte sich im Laufe der nächsten Monate ein „Youngster“. Er zeigte immer deutlicher, dass er männlichen Geschlechts war. Der kleine Kerl brachte es fertig gehörige Unruhe in den großen Herdenverband zu bringen.
Was also blieb anderes übrig. Er wurde einfach der Gesellschaft von Kasimir und Ikaro zugeteilt. Die drei Junghengste verstanden sich prächtig. So brachten sie gemeinsam die nächsten Jahre auf der Koppel und im Stall zu.
Innerhalb von drei Jahren wuchsen sie zu strammen Remonten heran.
Mit der Arbeit unter dem Sattel begann allmählich der Ernst des Lebens, was immer das heißen mag.
Wenngleich dieses Prädikat bei allen dreien sehr behutsam eingeleitet wurde, rutschten sie damit klamm heimlich in einen besonderen Status, der sie das ganze zukünftige Leben begleiten sollte.

Eines Tages wurde der Tierarzt Dr. Loibl bestellt. In aller Frühe machte dieser mit zwei Helfern im Vorgarten innerhalb einer Stunde aus den drei Hengsten drei Wallache.

Das hatte den Vorteil, dass die drei Burschen nach einiger Zeit in die Herde eingegliedert werden konnten und fortan darin blieben.
Außerdem bescherte ihnen dieser Zustand, da sie ja in der Zucht keine Verwendung finden sollten, einen ruhigeren Tagesablauf. Hormongepeitschte Zustände gingen auf ein Mindestmaß zurück. Arterhaltendes, aufwühlendes Gebaren beschränkte sich auf normale Rangordnungsfeststellungen. Freundschaften konnten sich entwickeln. Verträgliche Zufriedenheit und Harmonie bestimmten die einzelnen Gruppen
Jonathan war immer schon sehr selbständig. Er hatte nicht unbedingt das Bedürfnis andere Pferde um sich haben zu müssen.
Interessant war, dass die miteinander verwandten Jonathan, Schnicki und Bröserl auf der Koppel immer wieder eine eigene Gruppe bildeten. Sie vermischten sich ganz selten mit der übrigen Herde. Im Stall, besonders später im gemeinsamen Laufstall, gab es immer wieder schlagkräftige Meinungsverschiedenheiten zwischen den wehrhaften drei „Welshis“.

Springen mit Jonathan
Anfängerreitstunde

Die für alle Pferde so wichtige Grundausbildung verlief bei Jonathan wirklich unauffällig und reibungslos. Würde im Detail darüber berichtet, entstünde der zweifelhafte Eindruck, dass eine gehörige Portion „Reiterlatein“, wie sie meist Händlern eigen ist, den Bericht bestimmen.

Tatsächlich hatte Jonathan niemals Gleichgewichtsprobleme. Die reiterliche Verständigung über die Hilfengebung lernte er willig und ohne Widersetzlichkeit.
Verständnis, einfühlsamer konditioneller Aufbau und vor Allem die Vermeidung von Überforderung weckten in ihm die Freude an der gemeinsamen Arbeit, die er sein ganzes Leben behielt.

Im Laufe von vielen Jahren beobachtete ich bei der Ausbildung von Kindern und Pferden immer wieder, dass sich Pferde bei Kindern anders, oft besonders fürsorglich oder nachsichtig verhielten.

Das hat mich immer schon beeindruckt. Jonathan allerdings war die Krönung.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich kein besseres, charaktervolleres und zuverlässigeres Kinderreitpferd kannte und kenne.
Auch während der kraftstrotzenden, von Übermut geprägten „Flegeljahre“ zeigte sich Jonathan bei seinen kleinen Reitern immer zuverlässig und behutsam.
Ein Freund, der dies beobachtete, stellte einmal einen lustigen Vergleich auf.
„Jonathan“ sagte er, verglichen mit einem pubertierender Jugendlichen, dessen graue Zellen von quirligen Hormonen verdrängt werden, benimmt sich einfach völlig normal.

In all den Jahren war unserem Team und mir Jonathan immer eine große Hilfe. Ganz gleich, ob ein Anfängerkind seine ersten Eindrücke auf ihm erlebte oder ob bei Turnieren fortgeschrittene Jugendliche ihr Können unter Beweis stellen sollten, Jonathan wußte immer, worum es geht und zeigte sich von seiner brillantesten Seite.

Prüfung
Franzi mit Jonathan beim Pferd International in München-Riem

Auf Überlandritten, bei denen es tagelang durch dick und dünn, durch Wasser, über Gräben, unwegsames Gelände und manchmal, wenn auch nur kurz, auf verkehrsreichen Straßen ging, übernahm Jonathan jeweils den schwächsten Reiter und brachte jeden wieder gesund und wohlbehalten nach Hause.
Da konnte es schon passieren, dass bei einem flotten Galopp über weite Stoppelfelder Jonathan weit hinten blieb und sein Tempo dem Können seines Reiters anpaßte. Außerdem bin ich mir sicher, dass er wußte, daß wir auf ihn warten werden.
Er hatte nicht den Herdendrang, den viele Pferde beunruhigen und das war gut so.

Wie viele „Kleine Hufeisen“, Reiterpässe und Reitabzeichen Jonathan bestanden hat, kann nicht mehr ermittelt werden. Durchgefallen ist auf ihm in all den Jahren niemand.
Siege und Plazierungen bei Turnieren konnten viele Jugendliche in großer Zahl erreichen.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Prüfung eines Reitabzeichens und eines Reiterpasses in der Brandau.
Angetreten waren bei der Passvorstellung zwei Gruppen mit je 8 Kindern und Jugendlichen. Auf unserer parkähnlichen, weitläufigen Koppel mit ca. 8 natürlichen Hindernissen, prüften die beiden Richter Günther Brink und Herbert Böhm, ob die Kandidaten über die Voraussetzungen beim Reiten im Gelände verfügen.
Unter den Prüflingen war auch mein fünfjähriger Enkel Michi. Natürlich beritten auf Jonathan. Während Bröserl, Jonathans Halbschwester, mit ihrem Kind eine Sondereinlage in flotter Gangart aufführte, galoppierte Jonathan mit Michi gelassen alleine etwa 40 Meter hinter seiner Gruppe.
Die Hindernisse waren nicht in einer Reihe plaziert. Es war also notwendig, verschiedene Wendungen zu reiten, um auf dem vorgeschriebenen Weg die einzelnen Sprünge zu erreichen und zu überwinden.
Das ist gar nicht so einfach.
Der Reiter muss sein Pferd so führen, dass er den Sprung exakt in der Mitte überwindet. Sofort nach dem Auffußen des Pferdes ist die Wendung in Richtung zum nächsten Hindernis einzuschlagen.
Im „leichten Sitz“ bei geregeltem Tempo verlagert der Reiter sein Gewicht nach der Seite, die zum Anreiten erforderlich ist. So geht es von einem Sprung zum Nächsten.
Bei einem guten Reiter an der Spitze wird die Übung dadurch erleichtert, dass der Herdentrieb die Pferde in der Abteilung meist willig folgen läßt.
Michi mit Jonathan konnte wegen des großen Abstandes zur Gruppe nicht den Vorteil nutzen, von den anderen Pferden „gezogen“ zu werden. Er hatte also den gesamten Parcours alleine zu meistern.
Der alte Routinier Jonathan wußte sofort Bescheid und bestand fehlerfrei die Prüfung.
Michi sicherte sich während der ganzen Aufgabe dadurch, dass er sich bei durchhängenden Zügeln an der Mähne seines Pferdes festhielt. Durch einen korrekten leichten Sitz störte er sein Pferd nicht. Lediglich beim beabsichtigten Richtungswechsel ließ er mit der richtigen Hand die Mähne los, raffte schnell den hängenden Zügel, mit dem er seinem Pferd kurz die Richtung zum nächsten Sprung signalisierte.
Jonathan verstand, wählte ohne Reiterhilfe den passenden Weg, den richtigen Sprung und bekam das nächste Ziel wieder durch den entsprechenden Zügelanzug mitgeteilt.

Wie sich Michi in diesen Augenblicken fühlte, konnte jeder sehen. Absolut gelöst und vertrauensvoll absolvierte er mit Jonathan die gestellten Prüfungsaufgaben. Sein entspannter Gesichtsausdruck ließ deutlich das unausgesprochene, freundschaftliche Gentlemans Agreement mit dem Pferd erkennen, von dem er fühlte, dass er sich vollkommen darauf verlassen konnte.
Zu so einem Treueabkommen gehören immer zwei. Was also ging wohl in dem kleinen Pferd vor sich?
Er war, das wußte ich, ein besonders schlauer Bursche. Das hat er immer wieder bewiesen.

Schnicki und Jonathan bei der Reiterpaßprüfung

Welche hintergründige, schlitzohrigen Gedanken Jonathan bei anderer Gelegenheit auch haben konnte, zeigte ein anderes Beispiel in der Brandau anläßlich der Vorbereitung zu einer Reitstunde:

Jonathans Boxe war damals neben der von Schnicki und Bröserl im „Holzstall“, den wir vor ein paar Jahren im Obstgarten errichtet haben.
Die Kinder mussten ihre Pferde satteln, auftrensen und die Hufe auskratzen bevor sie die Anweisung erhielten, mit ihren Pferden und den anderen Reitschülern zum Reitplatz zu gehen.

Jonathan stellte sich so hin, dass er mit dem Kopf vor der leicht angelehnten Boxentüre stand. Als die Reiterin so weit fertig war, dass sie sich nur mehr mit den Hufen beschäftigen musste und der rechte Hinterhuf sauber war, stieß Jonathan mit dem Kopf lässig die Boxentüre auf und machte sich alleine auf den Weg.
Das Kind rannte ihm nach, konnte jedoch seine Zügel nicht fassen, weil Jonathan immer den Kopf sehr geschickt wendete und schneller flüchtete, als das Mädchen laufen konnte.
Zielstrebig trabte das gesattelte Pferd allein auf dem Feldweg zur „Weihenstephaner Wiese“ und begann in aller Ruhe in deren Mitte zu grasen.
Inzwischen war die ganze Belegschaft in heller Aufregung auf die üppige Weide gerannt. Sie umkreisten den kleinen Ausreißer und versuchten vergeblich ihn zu fangen.
Nach einer Viertelstunde mussten die Bemühungen abgebrochen werden.
Die Reiterin erhielt ein anderes Pferd und Jonathan blieb alleine auf der etwa 4 ha großen Wiese.
Unsere Vermutung war, dass dieses raffinierte Herdentier sehr schnell die Lust am Alleinsein verlieren würde und nach Hause käme.
Das tat er dann auch ganz behäbig. Allerdings erst nachdem er genau wußte, dass die beiden Reitstunden beendet waren. Anstandslos ließ er sich wieder nehmen und strebte dem Stall zu, in dem, wie er wußte, das Kraftfutter auf ihn wartete.

Natürlich gäbe es noch viel über Jonathan zu berichten. Schließlich verbrachten im Laufe von neunundzwanzig Jahren viele, viele Kinder eine Menge Zeit mit dem geliebten Pferd.
Die kleinen Partner wuchsen heran, mussten auf große Pferde gesetzt werden, wurden irgendwann vom Leben zum Studium oder zur Berufsausbildung abgerufen. Sehr oft war es auch der erste Freund, der die Liebe zu den Pferden nicht teilte.
Die Gesichter und die Namen der jungen Reiter änderten sich. Manche kamen nach Sturm- und Drangzeit wieder. Ab und zu zeigten sie den eigenen Kindern den Jonathan, auf dem sie die ersten Reiterfahrungen sammelten.
Sie erinnern sich an die vielen Feste, an die Reiterprüfungen, an die Turniere, die herrlichen Überlandritte oder an die Showvorstellungen im Pferd international in München-Riem, in Achselschwang oder später dann in Erfurt, bei denen sie Jonathan treu und zuverlässig getragen hat.

Liebevoll und zärtlich streicheln sie dem alten Kumpel Kopf und Hals. Wehmütig erkennt mancher, dass er sich in diesem Moment auch von der eigenen, schönen Kindheit verabschiedet. Von einer Zeit, die ihn im Umfeld der Pferde geprägt hat und die ihn mit Sicherheit in Gedanken das ganze Leben begleiten wird.

Jonathan verbrachte seine Altersruhezeit auf seiner gewohnten Koppel in seiner gewohnten Herde. Gelegentlich auftretende Lähmungszustände der Hinterhand wurden vom Tierarzt behandelt, jedoch letztendlich als nicht therapierbar erkannt.

Als Andi am 29. August 2008 in den Stall kam, lag Jonathan in seiner Boxe und mühte sich vergeblich aufzustehen. Er begrüßte Andi mit Wiehern, so als erhoffte er sich ihre Hilfe.

Helfen konnte nur mehr der Tierarzt, der ihn von seinem Leiden erlöste.
Jonathan ist am 29. 08. 2008 gestorben.

Geboren wurde Jonathan am.. 17. 05. 1979

Sein Vater war: ...Roman Sentinel....Rasse: Welsh.Sektion B
Seine Mutter war: Hanni: Rasse: Welsh Sektion A
Züchter war: Kugler Herbert..
86643 Rennertshofen

Jonathan

Jonathan im Moos
Jonathan und Pascha in Zöthen

 

 




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